Offenblende

Schon lange spielte ich mit  dem Gedanken, meiner VF-DSLR eine vernüftige, lichtstarke Optik zu gönnen. Ich arbeite seit vielen Jahren schon mit einem Tamron AF 28-75/2.8, welches an der Cropkamera auch recht ordentliche Abbildungsleistung zeigt, aber bei Vollformat ist diese Optik nur noch mit Einschränkungen nutzbar.
Mein heimlicher Traum ist ja eigentlich das neue EF 24-70/2.8 L USM II, aber vom Preis her ist dieses Schätzchen jenseits von Gut und Böse. So kristallisierte sich nach und nach der Wunsch heraus, doch lieber in eine lichtstarke Festbrennweite zu investieren.

Das 50mm/1.8 von Canon hatte ich schon einmal vor vielen Jahren bessessen. An sich ist diese Optik für unter 100 Euro durchaus sein Geld wert, aber mir ist sie doch zu klapprig und so hatte sich das Objektiv damals auch in seine Einzelteile zerlegt und wurde für Bastelzwecke missbraucht.
Also standen jetzt zu Auswahl das 50mm/1.4 von Canon und das 50mm/1.4 von Sigma. Ich durchstöberte das Internet nach Testberichten und schon bald fiel mir beim lesen auf, dass das Sigma oft Probleme mit dem Autofokus hat und nur eingeschränkt zu empfehlen ist. Allerdings wurde dem Sigma auch eine exzellente Abbildungsqualität bescheinigt. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich mich gern für das Sigma entscheiden würde, wenn das Autofokusproblem nicht wäre. Somit war für mich klar, dass ich diesmal entgegen meiner Einkaufsgewohnheiten nicht im Internet bestellen, sondern die Optiken im Einzelhandel vor Ort testen werde. Ein Blick ins Internet zeigte mir, dass beide Optiken im Saturnmarkt in Chemnitz vorrätig sind.
So fuhr ich mit der Kamera nach Chemnitz, ließ mir beide Objektive geben.
Der Unterschied beider Objektive ist erst einmal deutlich. Das Sigma wirkt viel wertiger. Es ist schwerer, lässt sich durch den großen Fokusring besser manuell fokussieren und der Ultraschallmotor ist kaum zu hören. Von der Haptik her ein klasse Objektiv. Das Canon hingegen wirkt irgendwie billiger, um nicht zu sagen klappriger. Ich schoss einige Testfotos. Das Sigma an der Canon EOS 50D und bei Offenblende ein Ziel in ca. 10m Entfernung anvisiert. Klick und das Bild im auf dem Kameramonitor begutachtet. Der angepeilte Schriftzug war matschig und farbgesäumt und der Bildeindruck ausgesprochen unbefriedigend. Jetzt der selbe Test mit dem Canon 50/1.4. Den selben Schriftzug anvisiert und Klick. Diesmal zeigte sich der Schriftzug knackscharf und sauber abgebildet. Eindeutig ging der Punkt an Canon.
Ich machte noch unzählige Versuche mit beiden Optiken und musste leider feststellen, dass das Sigma je nach Entfernung des Fokuspunktes mal einen ausgesprochenen Front- bzw. Backfokus zeigte. Stellte ich hingegen den Fokus manuell ein, war das Bild vom Sigma einfach umwerfend! Noch deutlicher wurde dar Unterschied im Bokeh. Ich nutzte die reichlich vorhandene Weihnachtsbeleuchtung und entschied mich in Qualität des Bokehs eindeutig für das Sigma. Jedoch was nützt dies alles, wenn der Autofokus nicht stimmt.

Bildausschnitte der Bildmitte zu 100% (bitte anklicken):

Vergleich Bildzentrum 100%

Vergleich Bildzentrum 100%

enttäuscht verließ ich den Chemnitzer Einkaufstempel und überlegte. Ein kurzer Check im Internet zeigte mir, dass das Sigma Objektiv in Dresden vorrätig sein. Da ich sowieso nach Hause in die Sächs. Schweiz unterwegs war, machte ich einen Abstecher in die Dresdner Altstadt und stürzte mich ins vorweihnachtliche Einkaufschaos der Altmarktgalerie.
Ich fragte nach dem Sigma 50mm/1.4 und und nach längerem Suchen wurde es auch schließlich gefunden. Wieder unterzog ich das Objektiv ausgiebig dem Autofokustests. Diesmal war alles anders. Nicht gleich, aber immer öfter gelang es mir, die Fokus richtig zu setzten und die Bilder waren eindeutig besser als mit dem ersten Objektiv in Chemnitz. Das Objektiv schien mir zuzurufen: „Nimm mich!“
Ich hörte auf mein Bauchgefühl und ließ mir das lichtstarke Schätzchen einpacken.
Zu Hause machte ich noch unzählige Tests. Mit der EOS 50D hatte dann doch immer wieder Probleme, dass der Fokus richtig getroffen wurde. Ich versuchte es mit der Korrektur des Fokuspunktes in der Kamera, hatte scheinbar Erfolg, um aber beim nächsten Motiv feststellen zu müssen, dass die Korrektur doch wieder in die andere Richtung festgelegt werden muss. So langsam beschlich mich das Gefühl, dass ich die Optik doch wieder zurückgeben werde…
Am anderen Tag war ich wieder in meiner Zweitheimat Lichtenstein und hatte dort meine EOS 6D zum testen. Was soll ich sagen? An dieser Kamera klappte alles perfekt. Der Fokus sitzt dort, wo ich in haben will und machte keine Ausreißer wie an der EOS 50D. Mir viel ein Stein vom Herzen.
Am Freitag nutze ich unseren Weihnachtsmarktbummel durch die Dresdner Altstadt um das Sigma an der 6D unter realen Bedingungen zu testet. Um es kurz zu machen, die Optik schlug sich hervorragend und unter widrigen Lichtverhältnissen gelangen mir perfekt fokussierte Bilder. Mein Bauchgfühl hatte mich also nicht im Stich gelassen.

Fazit: Ich bin mir der Macken des Sigma 50mm/1.4 durchaus bewusst. Solch eine Lichtstarke Optik ist extrem sensibel. Ich würde nicht scheuen, dies als „feminin“ zu bezeichnen. 😉
Wer sich also diese Optik zulegen möchte, dem empfehle ich unbedingt vorher den Autofokus zu testen.

 




 

Kommentar verfassen