skyimages.de Photography by Stephan Messner

6.Tag- Ins Land der schwarzen Berge


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05. Juli 2010 ins Land der schwarzen Berge

Felix ist kurz nach sieben aufgestanden und freut sich, mir beim Packen helfen zu können. Falk zieht sich die Decke über den Kopf und will nur seine Ruhe. Ich drohe mit einen kalten Waschlappen, Kitzelattacke und Knuddelalarm. Irgendwann gibt er dann doch nach und quält sich im Zeitlupentempo aus den Federn.
Schnell zum Frühstück, die Rechnung bezahlt und gleich nebenan beim Bäcker noch diverse Hörnchen, Pfannkuchen und Semmeln eingekauft.
Ab ins Auto, ein kurzer Check der Pässe und Geld und schon kann es um 9.30 Uhr mit einem Urlaubskilometerstand von 1450km auf unsere nächste Etappe gehen. Wir kurven einmal quer durch Mostar und landen schließlich auf der Hauptstraße. Kurz nach der Stadt biegen wir nach Osten hinauf in die Berge. Serpentinen reihen sich aneinander und kurze Zeit später sichten wir eine schöne Burgruine, welche hoch über Mostar und dem Tal der Neretva trohnt. Wir erreichen ein gebirgiges Hochland und reichlich 20km nach Mostar beginnt die Republik Srbska die sich durch eine wehende Fahne am Straßenrand ankündigt. Dann erreichen wir, wieder über steile Serpentinen hinab die Stadt Nevsinje. Hier und auch in den nächsten Orten wehen vor den Häusern stolz die Serbischen Fahnen.
Die Strecke führt weiter durch ein wunderschönes Tal. Beidseitig bewaldete Berge und ein kleiner glasklarer Fluss schlängelt sich träge durch sumpfige Wiesen. Überall blüht es. Manche Stellen werden bewirtschaftet und es wird gerade Heu gemacht. Wir machen am Bachlauf unsere erste Rast. Mit Felix gehe ich an das Bachufer und wir sehen neben Unmengen an blühenden Wasserpflanzen Schwärme winziger Fische. Ich mache einige Aufnahmen und nach einer Viertelstunde geht es weiter durch das Tal.


near Vrtine. Republika Srpska. Bosnia and Herzegovina in bosnia-herzegovina

Wie aus einer anderen Welt steht plötzlich das Kohlekraftwerk von Gacko mit seinem riesigen Kohletagebau vor uns. Ich halte an, um Felix die riesigen Bagger und Laster zu zeigen.
In der Stadt schwenken wir ab nach Süden und wenige Serpentinen weiter hat uns die üppige Natur wieder. Kurz darauf erreichen wir den Stausee Klinje, der mit seinem türkisblauen Wasser malerisch in die bergige Landschaft eingebettet liegt. Im Osten thronen die mächtigen, teils noch mit Schneefeldern bedeckten, über 2300m hohe Gipfel des Volujakgebirges, welches sich schon auf montenegrinischer Seite befindet. Mehr einem geteerten Feldweg gleichend schlängelt sich die schmale Straße durch enge Schluchten, umgeben von wuchernden Buchenurwald. So erreichen wir den Sutjeska-Nationalparkt.
Enge Schluchten, türkisblaue Bäche, dichter Urwald und in der Ferne hohes schroffes Gebirge. Dieses Bild begleitet uns eine ganze Weile. Schließlich erreichen wir das Tal der Drina (dass dieser Fluss auch wieder extrem Türkis daherkommt, brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen). Kurz vor Srbinje Foca überqueren wir die Drina. Am anderen Ufer geht es wieder fast 20km zurück und diesmal ist die Straße wirklich kaum mehr als solche zu bezeichnen. Ein geschotterter, schmaler Feldweg führt uns durch die Landschaft. Immer wieder faszinieren die herrlichen Ausblicke ins tiefeingeschnittene Tal. Dann erreichen wir die Grenze nach Montenegro.


Grenze zwischen Bosnien/ Herzegovina und Montenegro am Fluß Tara in europe

Beim Bosnischen Zoll kurz das Auto hinten öffnen und schon geht es über die fragile Brücke über die Drina, welche ab hier Piva heißt. Gleich neben der Brücke befindet sich eine kleine Kneipe und hier werden Raftingtouren angeboten. Wir erfrischen uns zur Mittagszeit am kühlen Wasser und genehmigen uns auf der Terrasse ein paar kühle Getränke, Kaffee und wollen was Essen.
Die Bedienung kann kein Englisch und mein Russisch glänzt auch mit Nichtvorhandensein. Aber Fisch, das verstehen wir beide und so harren wir der Dinge, die da kommen. Während dessen treffen mehrere Raftinggruppen ein, die hier anlanden und mit Essen bewirtet werden. Da für die Gruppe scheinbar reichlich Suppe vorhanden ist, wird auch uns kurzerhand die Suppe vorgesetzt. Was ist nun mit Fisch denke ich und sehe auf dem Grill in der anderen Ecke der Kneipe zwei Forellen braten. Wir haben kaum unsere Suppe ausgelöffelt, da wird und der Teller mit dem Fisch vorgesetzt. Gleich zwei Forellen, geröstete Kartoffelstücke und ein großer Teller Grünzeug. Wir machen und zu dritt darüber her und sind pappsatt.
11 Euro kostet der ganze Spaß (zwei Cola, ein Bier, zwei Suppen und 1 x Fisch). Was will man mehr.
Zufrieden laufen wir hoch zu Brücke zum Auto und fahren weiter. Eine Kurve später kommen wir zum montenegrinischen Zoll. Stimmt ja, den hatten wir ja noch nicht. Waren wir also im Niemandsland essen, oder was?
Diesmal nimmt es der Zöllner etwas genauer. Die Autopapiere will er sehen und zusammen mit einer jungen, vielleicht gerade einmal zwanzigjährigen Grenzbeamtin diskutiert er über die Art unseres Fahrzeuges. Mir schwant schon, um was es geht und melde mich zu Wort, dass es ein Camper ist. Der Zöllner verschwindet im Büro und die junge Kirsche reicht mir einen Beleg für 80 Euro für die Straßengebühr und die dazugehörige Vignette. Ich frage noch Unwissenheit vortäuschend, warum ich nicht vierzig Euro bezahlen soll wie für PKW vorgeschrieben, sondern achtzig. Doch die Dame reagiert gar nicht auf meinen Einwand. Während dessen kommt der Zöllner mit unseren Pässen und Fahrzeugpapieren zurück und die Kinder strahlen, da sie hiermit ihre ersten Einreisestempel in ihren Pass erhalten haben. Wir werden freundlich in Montenegro willkommen geheißen.
Achtzig Euro leichter fahren wir weiter und erreichen gleich darauf den Canyon des Flusses Piva. Hatte ich bis jetzt in meinem Bericht über schöne Landschaft geschwärmt, so stellt das, was uns nun hier geboten wird, wahrlich alles in den Schatten. So steil wie nur möglich fallen die Wände dicht bewachsen in unergründliche Tiefen. Tief unten ist ab und zu die Piva in rauchenden Mäandern (in Welcher Farbe? Natürlich Türkis!) zu erahnen. An den schroffen Felswänden klammern sich Bäume und die förmlich über allen Abgründen schwebende Straße hangelt sich von einem Tunnel zum nächsten. Dass die Tunnel hier nur einfach in den Fels getriebene schwarze Löcher sind, sollte ich vielleicht erwähnen. Draußen strahlender Sonnenschein und ab geht es in den schwarzen Schlund. Warum sehe ich nichts, ach ja, das Licht, nee es ist doch schon an. Na gut, dann eben mit Fernlicht. Hilft aber auch nicht wirklich weiter. Egal, der Mensch gewöhnt sich an alles, so auch an diese extremen Lichtwechsel.


Piva Canyon / Montenegro in montenegro

Einige Kurven und etliche Tunnel weiter öffnet sich ein Bild, welches auf jeder Postkarte als Kitsch abgetan werden würde. Steile Berge, Wald, Schlucht, Fluss (Türkis! alles klar?), und dann noch eine filigrane Brücke gefühlte Unendlichkeiten über dem Abgrund. Ein Bild wie aus den „Herr der Ringe“-Filmen entlehnt.
Klar, anhalten und fotografieren. An der nächsten Ecke, wieder anhalten… Falk hat schon aufgegeben zu protestieren und Felix trippelt immer nimmermüde Papa beim Fotografieren hinterher und will auch mal die Kamera.


Bridge over Piva Canyon Montenegro in Montenegro

Irgendwann während dieser Kameraorgie will das Ding nicht mehr. Was ist los. Ein Blick auf die Anzeige. Speicherkarte voll. Und das an einem Tag! So etwas ist mir noch nie passiert. Mitten auf der Brücke fahre ich den Rechner hoch, um die Bilder zu überspielen. 350 Dateien sind es und bis zum Abend werden es fast 500 Bilder sein.
Mit leerer Speicherkarte in der Kamera geht es weiter und wir erreichen die Staumauer, welche die enge Schlucht versperrt und dahinter einen wunderschönen See erzeugt. Farbe? Na ihr wisst schon.
Wir umkurven das Ufer und plötzlich, gleich nach einem Tunnel, sehen ich einen kleinen Wegweiser nach Trsa. Dort müssen wir ja hin. Doch wo zeigt das Schild hin, links, in den Berg? Und wirklich, ich bin gerade aus dem Tunnel heraus, da geht links in den Berg hinein ein schwarzes Loch. Ob das mal gut geht, denke ich und begebe mich auf den Blindflug. Viele Kurven und claustrophobischen Grenzerfahrungen später hat uns die Sonne wieder und unter uns liegt der Stausee im schon gewohnten Bilderbuchkitsch. Serpentine, Tunnel, Abhang, Tunnel… wie durch einen Schweizer Käse hindurch erklimmen wir die 1200 Meter hinauf ins Bergland zum Dumitor-Gebirge. Die Landschaft und Vegetation wandelt sich in unglaublicher Schnelligkeit. Erst dichter Wald, dann Wiesen gleich ganzer Blütenmeere, schließlich Hochgebirge. Ab und an ein paar Häuser, dessen Bewohner von Schafzucht leben. Vor uns liegen die Gipfel des Gebirges. Mittlerweile ist es schon fast 18.00 Uhr und ich versuche einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Bei diesem felsigen Gelände gar keine so leichte Aufgabe.
Doch dann, wenige Meter vorm Pass mit 1850 Metern Höhe finde ich eine kleine, befahrbare Stelle.
Es ist verdammt kalt. Schnell muss ich den Kindern dicke Sachen aus den Koffern kramen. Dann baue ich die Stühle, Tisch und Kocher auf und mache mich an die Abendessenzubereitung… Ich will jetzt nicht behaupten, das mir die beiden dabei groß geholfen haben 🙂
Ich brutzele Würstchen und gebe diese in Spagetti mit Soße. Es schmeckt allen, und während ich Abwasche und alles wieder zusammenräume sind die beiden Geister schon in den Betten verschwunden. Ich trommle sie nochmal zum Zähneputzen heraus, dem sie nur unter Protest nachkommen.
Schnell sind sie wieder verschwunden, um sich im Bett gegenseitig zu ärgern, bis es wieder Krach und Tränen gibt, so dass ich wieder einmal einschreiten muss. Die zürnenden Worte hallen wie Donner von den Berghängen zurück und im Auto ist wieder liebliche Ruhe eingekehrt. Wenigstens für fünf Minuten 😉
Übrigens was für die Statistik. Für die 200km Fahrstrecke haben wir heute fast zehn Stunden benötigt. Ich glaube, mein Schwager ist mit seinem Fahrrad schneller. Aber der muss ja auch nicht andauernd fotografieren 😉
Sollten die Zeilen langsam unleserlich werden, bitte ich dies zu verzeihen, den mittlerweile ist es fast 22.00 Uhr und hier draußen ist es stockdunkel. Jetzt noch ein Bier, was hier oben im Gebirge nun endlich einmal eine trinkbare Temperatur angenommen hat. Von den Felswänden ertönen seltsame Geräusche, so wie ein gegenseitiges Rufen von Vögeln Der Wind frischt kalt auf. Gibt es hier eigentlich Bären?
Ich werde jetzt mal lieber meinen Kindern ins Bett folgen. 😉
Gute Nacht

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