skyimages.de Photography by Stephan Messner

11. Tag – von den albanischen Alpen ins Kosovo


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10. Juli 2010 – Auf ins Kosovo

Nie Nacht ist ar…kalt. Von allen Seiten kriecht die Kälte unbarmherzig unter unser Bettzeug. Wir huscheln eng aneinander, um uns zu wärmen. Doch Felix mit seiner Angewohnheit sich immer wieder aufzudecken macht die Sache nicht gerade einfach.

So bin ich recht froh, als die Sonne über den Berghängen zum Vorschein kommt und unsere Schlafstätte aufwärmt. Ich lasse die Kinder schlafen und mache mich über die verschmutzte Wäsche der vergangenen Nacht her. Dreimal habe ich warmes Wasser in dem großen Topf aufgesetzt. Vorspülen der Wäsche im eiskalten Gebirgsbach, Handwäsche mit „Rei in der Tube“ im warmen Wasser in der Plasteschüssel. Auswaschen wieder im kalten Wasser. Mit Hilfe von Zurrbändern und einem Stromkabel ziehe ich kunstfertig zwischen den Bäumen eine Wäscheleine. Beim nächsten Mal eine Wäscheleine und genügend Klammern nicht vergessen!
Fast zwei Stunden kämpfe ich mit der Wäsche und bin zufrieden, als diese in im Sonnenschein von der kühlen Gebirgsluft durchgewedelt wird.

Die Kinder werden auch langsam munter. Wie immer Felix zuerst, etwas später dann Falk.

Mit Felix pflücke ich Pfefferminzblätter und wir brühen uns zum Frühstück einen Tee mit viel Zucker auf. Die Kinder sind vom Selbstgepflückten ganz begeistert. Felix ist zum Glück wieder ganz der Alte. Weiß der Henker, was das gestern Abend für eine Fieberattacke war. Als dann noch Falk seinen Brechanfall bekam, machte ich mir wirklich Sorgen und spielte mit dem Gedanken, das Abenteuer abzublasen. Doch mit dem neuen, sonnigen Morgen sind die Gedanken wie weggeblasen. Falk geht es auch wieder gut und er isst die getoasteten Weißbrotscheiben mit einer Brise Salz und Parmesan bestreut voller Appetit.

Die Wäsche trocknet munter vor sich hin, die Kinder Faulenzen in der Sonne, gehen zum Bach spielen, während ich das Auto auf Vordermann bringe. Ich komme mir langsam vor wie die Putzfrau vom Dienst 😉 Ab und zu kommt jemand vorbei und wir werden mit Händen und Füßen ausgefragt. Alle Leute sind ausgesprochen nett. Gegen Mittag, die Wäsche ist trocken und das Bett neu bezogen, können wir endlich weiter.
Im kleinen „Ort“ Valbona, bestehend aus vielleicht drei, vier bewohnten Häusern und einigen Ruinen aus der Zeit der Unruhen vom Ende der Neunziger Jahre bietet dieser Weiler nicht viel.


Valbone / Albania in europe

Wieder werde ich während meiner Fotografiererei angesprochen, ob wir aus Deutschland kommen. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass wir Deutschen bei den Albanern extrem gut angesehen sind. Wir werden gleich zum Frühstück eingeladen, doch wir müssen weiter.

Am Straßenrand gabeln wir ein Pärchen Rucksacktouristen auf. Die Kinder verfrachte ich nach Hinten in die Betten und die zwei Studenten aus Belgien freuen sich über die Mitfahrgelegenheit. Die junge Frau kann perfekt Deutsch und ihr Freund unterhält sich mit uns auf Englisch. Richtig stolz bin ich, wenn Falk mich im englischen immer wieder auf die richtige Grammatik hinweist, dieser kleine Klugscheisser 😉

Wir fahren aus dem Valbonatal hinaus in die nächste Stadt Barijam Curri. Diese Stadt ist ein Albtraum eines Stadtplaners. Hässliche, aus den siebziger Jahren stammende Wohnblöcke aus schlecht gemauerten Ziegelsteinen, vollgepflanzt mit Satellitenschüsseln, Dreck und Müll in jeder Ecke. Dazwischen Buden voller buntem Allerlei und hin und wieder stapft eine Kuh durch die surrealistische Szenerie. In einem Lebensmittelmarkt kaufen wir Müsli und eingeschweißte Wurst. Von frischen Wurstwaren lasse ich aus gutem Grund die Finger. Der Verkäufer bemüht seine Deutschkenntnisse, erzählt von seinen Jahren in Deutschland und freut sich, dass es uns nach Albanien verschlagen hat. Ich frage nach einem Bäcker und der Verkäufer begleitet uns um einige Häuserblocks in einen verdreckten Hinterhof und weist auf eine unscheinbare Tür. Unsicher gehen wir darauf zu und tatsächlich befindet sich hier eine Backstube. Frischer Brotgeruch strömt in unsere Nasen. Der Verkäufer staunt ungläubig, dass wir uns in seinen Laden verirren und reicht uns ein frisch geschnittenes Weißbrot. Ich zahle ein paar Pfennige und Felix fordert eine Scheibe des frischen Brotes. Wir kaufen noch etwas Obst und Gemüse, alles zu einem Spottbreis. Ich frage nach einem Internetcafé und wir werden auch diesmal persönlich dorthin eskortiert.

Im Internet ziehe ich mir ein Datenrettungsprogramm, da ich meine Hauptspeicherkarte der Kamera versehentlich heute Vormittag formatiert hatte und mir so einige schöne Bilder flöten gegangen sind. Mithilfe des Programmes kann ich die Daten hoffentlich wieder retten. Zum Glück habe ich noch eine zweite kleinere Speicherkarte, die mir derweil erst einmal weiterhilft. Ich setzte noch den Bericht des gestrigen Tages online und überprüfe die Emails.

Unsere belgischen Freunde warten derweil in einem Café auf uns. Wir setzen uns zu ihnen und genießen die Sonne und den Blick auf das bunte Treiben.

Als nächste Etappe steht für uns der Kosovo auf dem Plan und da die zwei Belgier auch nach Prizren wollen, beschließen wir, gemeinsam dorthin zu fahren.

Gleich nach dem Ort Barijam Curri zweigt die neu gebaute Trasse in den Kosovo ab. Endlich wieder einmal vernünftig fahren! Wir fahren durch eine grüne fruchtbare Hügellandschaft und nach wenigen Kilometern stehen wir am albanischen Zoll. Die Pässe werden überprüft und ich soll 4 Euro Straßengebühr zahlen. OK denke ich, wird schon seine Richtigkeit haben. Da ich aber nur große Euroscheine habe, möchte ich in albanischen Leke zahlen. Was nun folgt lässt sich im Nachgang für mich nicht mehr richtig nachvollziehen.

Ich, meiner Meinung nach, reiche ich den Beamten 700 Leke (rund 5,00 Euro). Plötzlich quatscht der Kerl misch dusselig und steckt das Geld in seine Tasche. Er deckt mich mit einem Redeschwall zu und langsam kapiere ich, dass er auf 4 Euro wartet. Unsere belgische Reisebegleiterin ist wie ich auch langsam der Ansicht, dass der Kerl nochmal Geld will. Er behauptet, die 700 Leke wären von ihm gewesen um mir zu zeigen, wie viel ich zu zahlen habe. Langsam beginne ich selbst an meiner Wahrnehmung zu zweifeln und reiche ihm noch einmal einen 1000 Leke-Schein, bekomme 300 Leke, sowie die Pässe zurück. Schweinekerl!
Dann folgt der kosovarische Zoll. Wir müssen etwas warten und ich nutze direkt an der Grenze den Bankautomaten der mir zweihundert Euro ausspuckt. Dann darf ich vorfahren, reiche dem Zöllner die Pässe und die grüne Versicherungskarte. Der Grenzbeamte meint, dass das Kosovo nicht mit der grünen Versicherungskarte abgedeckt ist. Das ist mir nicht neu und der Zöllner verweist mich in ein Büro, um eine Haftpflichtversicherung abzuschließen. Ich betrete das Büro und er Beamte zeigt mir eine Gebührentafel- Ich erblasse, als er unter „Truck über 1,0t“ mir die Gebühr in Höhe von 170 Euro präsentiert. Ich beginne zu diskutieren, dass mein Fahrzeug doch kein LKW sondern ein Camper sei. Der Zöllner von der Passkontrolle kommt ebenso in das Büro und mit seinem guten Englisch versucht er sich um Klärung. Er deutet mir an, dass mein Fahrzeug mit 2,8t und ohne Fester im Laderaum eindeutig wie in der Zulassung ersichtlich unter die Rubrik für 170 Euro fällt. Der Versicherungsmensch ruft noch einmal seinen Vorgesetzten an und ist wirklich bemüht eine billigere Lösung für mich auszuhandeln. Ich bin kurz davor, das Abenteuer Kosovo zu streichen. Es bleibt bei den geforderten 170 Euro. Der englischsprechende Zöllner entschuldigt sich regelrecht bei mir und bedauert, keine günstigere Lösung zu finden. Ein normaler PKW zahlt im Übrigen nur 40 Euro!
Während der ganzen Hudelei muss Felix auch noch auf die Toilette und während der Versicherungsmensch den amtlichen Versicherungsschein ausfüllt, suche ich mit Felix den stillen Ort auf. Das WC sieht mehr als benutz aus und ich halte Felix, beschwörend ja nichts anzufassen, über die Schüssel. Der kleine Kerl müht sich und ich mühe mich auch in dieser Zwangshaltung das Gleichgewicht zu halten. Doch irgendwann ist auch dieses schweißtreibende Geschäft erledigt und wir gehen zurück in das Büro der Versicherung.

Ich löhne meine 170 Euro, bekomme die Pässe zurück und wir werden im Kosovo willkommen geheißen. Natürlich gehe ich gleich noch einmal zum Bankautomaten um wieder Geld zu ziehen. So ein Mist!

Doch was soll’s. Die Sonne scheint, die Kinder haben ihren Spaß, wir unterhalten uns mit den Belgiern und stürzen uns in das Abenteuer Kosovo.

In der ersten Stadt namens Gjakove halten wir an einer alten antiken Brücke an und ich mache wieder ein paar Fotos. Ich gehe unter die Brücke hinunter zum Fluss. Stolpere über Müll und Gebeine eines Pferdes. Das Gebüsch am Ufer ist über und über mit Müll beladen, welchen die letzte Flut wie Weihnachtsbaumschmuck im Geäst verteilt hat. In diesem ganzen Dreck steht ein Mann mit einer Reuse im Wasser und versucht ein paar Fische zu fangen. Buaahhhh!

Wir fahren weiter ins Zentrum der Stadt. Eine Kirche steht neben einer Moschee und im Zentrum erleben wir wieder einer völlig fremde Welt.

Zur Beschreibung bin ich jetzt einfach zu Müde. Bilder sagen mehr als Worte!

Wieder werden wir angesprochen und als Deutsche sofort in ein Café eingeladen. Die beiden Belgier schauen uns ungläubig an und überlegen sich, sich demnächst auch als Deutsche auszugeben 😉 Wir plaudern mit unserem deutsch sprechenden Gastgeber und genießen das Treiben welches sich uns am späten Nachmittag hier darbietet. Ich erzähle mein Erlebnis mit den hundertsiebzig Euro und unser Gastgeber lacht und meint, beim nächsten Mal solle ich ihn vorher anrufen. Dann finden sich Mittel und Wege. Und die Sache mit dem Albanischen Zoll, da meint er, dass die oft solche Spielchen treiben.


Gjakovë /Kosovo in europe

Wir fühlen uns absolut sicher und auch von den Leuten wird uns immer wieder versichert, dass wir als Touristen absolut keine Bedenken über unsere Sicherheit zu machen brauchen. Wir sind Gäste im Kosovo und das bedeutet viel!

Wir verabschieden uns herzlich und machen uns auf um Prizren in ca. dreißig Kilometer Entfernung zu erreichen. Obwohl wir trotz gut ausgebauter Straße nur mit vierzig, fünfzig Sachen vorankommen, Traktoren und LKWs bremsen und immer wieder aus, macht die Fahrt Spaß. Die Landschaft ist grün und fruchtbar, ja erinnert oftmals an Mitteleuropa.

Die Orte bestehen aus Häusern nur aus schlecht gemauertem Ziegelmauerwerk und „Sicht“beton. Überall wird gebaut und auf dem Dachstuhl des Neubaus weht oft der albanische Doppelkopfadler. Tankstelle reiht sich an Tankstelle, Motel an Motel. Die Straße gleicht, je näher wir Prizren kommen, immer mehr einem gigantischen Industriegebiet.

Plötzlich wird die Straße zur Baustelle, wir werden umgeleitet und… befinden uns einige Abzweige weiter inmitten des Chaos von Prizren.

Wow! Die Stadt lebt! und wie! Autos quälen sich durch die Gassen, Fußgänger dazwischen. Laden an Laden, Hupen und Wirrwarr. Und wir mittendrin. Ich fahre oft seitlich ran, um zu fotogarfieren. Niemanden stört das. Irgendwie funktioniert alles, ohne dass ein System zu erkennen ist.

Wir beschließen am Ortsrand ein Hotel zu suchen, da es im Zentrum uns für die Nacht doch zu chaotisch ist. Dann kommen wir am Lager der deutschen KFOR-Truppen vorbei. Ich kann es nicht lassen, ein Foto mit der Deutschen Flagge zu schießen. Das Schild mit dem durchgestrichenen Fotoapparat fällt mir erst später auf. Dass ich wären dessen eine Fahrspur blockiere stört niemanden wirklich.

Gleich neben der KFOR-Kaserne finden wir ein ordentlich ausschauendes Motel.

Unsere belgischen Reisebegleiter sind sich unschlüssig, ob sie im Motel übernachten wollen oder noch weiter laufen um was Billigeres zu finden. Vierzig Euro soll das Doppelzimmer kosten. Unsere Reisebegleiter entscheiden sich fürs weiterwandern und wir verabschieden uns herzlich.

Ich lasse mir das Zimmer zeigen. In Anbetracht der für Balkanverhältnisse ordentlichen Dusche, sauberen WC und dreier frischbezogenen Betten, entschließe ich mich dafür, das Zimmer für die Nacht zu nehmen. Eine Dusche später sitzen wir im Garten des Restaurants, beobachten auf der vierspurigen Schnellstraße wie die Schafherden ohne Verluste durch den starken Verkehr getrieben werden.

Zwei Jahrhunderte prallen hier in voller Wucht aufeinander.

Wir lassen uns das Essen schmecken und genießen die untergehende Sonne. Schnell sind die Kinder im Bett verschwunden und gleich eingeschlafen.

Es schaut ganz danach aus, als ob es eine ruhige Nacht ohne Aufregung werden wird.

Jetzt ruft gerade Jan auf Falks Handy an. Ich bitte ihn mein Handy anzurufen, da der Anruf für uns Geld kostet. Sorry Jan, habe soeben bemerkt, dass mein Telefon ausgeschaltet ist. Du kannst aber Falk auch eine Email schreiben.

Während ich meinen Bericht in die Tasten haue, versucht das Programm im Hintergrund meine Bilder des heutigen Vormittages von der formatierten Karte zu rekonstruieren. Mal schauen was zu retten ist.

Morgen werden wir uns noch einmal in die Innenstadt von Prizren stürzen und dann, wenn die Strecke sich gut fahren lässt, nach Mazedonien zum Ohridsee fahren. Schauen wir, was uns dort erwartet.

Liebe Grüße

Eure drei Herumtreiber

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